Mitteilungen03-04/2017, Seite 140, Nr. 58

Neuregelung der Notfallversorgung in Krankenhäusern

Die brandenburgischen Krankenhäuser sind wichtige Anlaufstellen für Patienten in einer Notsituation. Nachts und am Wochenende, aber auch tagsüber kommen Menschen in die Notaufnahmen, weil sie sich verletzt haben, unter Schmerzen leiden oder bei plötzlichen Beschwerden schnell Gewissheit haben wollen, dass es nichts Ernstes ist.

Die Notaufnahmen der Kliniken sind darauf vorbereitet und tun ihr Möglichstes, um diese Patienten rasch zu untersuchen und angemessen zu versorgen. Die dafür vorgesehene Vergütung der Krankenhäuser deckt ohnehin nicht die erforderlichen Vorhaltekosten. Nunmehr zwingt noch eine neue „Abklärungspauschale“ die Krankenhäuser ab dem 1. April 2017 dazu, über die Behandlungsnotwendigkeit Patienten innerhalb von zwei Minuten zu entscheiden. Wer kein so genannter echter Notfall ist, muss zum Hausarzt – auch wenn es ihm nicht gut geht und er Schmerzen hat. In einem Flächenland wie Brandenburg mit Versorgungslücken im ambulanten Bereich ist dies eine Zumutung für Patienten. Krankenhäuser könnten helfen, dürfen aber nicht und werden nicht dafür bezahlt.

Der Vorstand der Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg hat die Thematik intensiv beraten und nachfolgende Informationen zur Verfügung gestellt. Außerdem hat die LKB mittels einer aktuellen Studie die Hintergründe der hohen Patientenzahlen in den Notaufnahmen der Kliniken im November 2016 ermittelt.
Die LKB setzt sich auf allen politischen Ebenen dafür ein, dass eine vernünftige Regelung der Notfallbehandlung mit einer fairen Vergütung für die brandenburgischen Krankenhäuser erreicht wird.

Zum 1. April 2017 haben Kassenärzte und Krankenkassen eine Neuregelung der ambulanten Notfallversorgung durchgesetzt. Krankenhäuser erhalten tagsüber eine so genannte Abklärungspauschale von 4,74 Euro. Patienten, die keine akuten Notfälle sind, dürfen nicht weiterversorgt werden. Für die Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg (LKB) bedeutet dies eine Geringschätzung der Leistungen des Klinikpersonals in den Notaufnahmen und eine Missachtung leidender Patienten.

Seitens der Krankenhäuser ist eine aufwandsgerechte Erhöhung der Vergütung erwartet worden. Insgesamt entstehen jedem Krankenhaus für die Behandlung eines Notfallpatienten Kosten von durchschnittlich 126 Euro; vergütet werden im Schnitt allerdings nur 32 Euro. Nun wurde eine Abklärungspauschale von 4,74 Euro (tagsüber) bzw. 8,42 Euro (nachts und am Wochenende) eingeführt. Die Vergütung der Notfallpatienten kann durch Zuschläge für bestimmte Diagnosen und Patientengruppen sowie für Röntgen und Computertomographie zwar höher ausfallen, reicht aber längst nicht aus, um die Kosten zu decken. Beschlossen wurde dies im erweiterten ergänzten Bewertungsausschuss von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gegen die Stimmen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

4,74 Euro entsprechen zwei Minuten

Der Betrag von 4,74 Euro reicht für eine Untersuchung von etwa zwei Minuten – mehr Zeit können sich Krankenhausärzte nicht nehmen, um Notfallpatienten zu registrieren, zu befragen, zu untersuchen und die Schwere und Dringlichkeit des Falles festzustellen. Nach Ansicht der LKB läuft dies auf eine Massenabfertigung von Patienten hinaus. Durch den enormen Zeitdruck steigt zudem das Risiko, Symptome zu übersehen oder eine Fehldiagnose zu stellen. Schon aus haftungsrechtlichen Gründen müssen sich die Krankenhausärzte für fast jeden Patienten erheblich mehr Zeit nehmen. Wieder einmal werden Einsparmaßnahmen auf Kosten des Klinikpersonals und gegen dessen Berufsauffassung durchgesetzt.

Die Absicht der Krankenkassen und Kassenärzte ist nach Einschätzung von Dr. Jens-Uwe Schreck, Geschäftsführer der LKB, klar: Außer Einsparungen soll erreicht werden, dass Krankenhäuser faktisch zwar die Versorgungslücke schließen, dafür aber keine adäquate Vergütung aus dem Honorartopf der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten sollen. Patienten ohne lebensbedrohliche Erkrankungen oder Verletzungen dürfen nicht weiterversorgt, sondern sollen an den Hausarzt verwiesen werden, auch wenn es ihnen schlecht geht und sie zum Beispiel Schmerzen haben.

Dies widerspricht fundamental dem Auftrag und Selbstverständnis der Krankenhäuser, Menschen in Not zu helfen. Es bleibt auch unberücksichtigt, dass viele Patienten gerade wegen überfüllter Arztpraxen, langer Wartezeiten auf Termine und weiter Wege im ländlichen Raum in die Notaufnahmen gehen. Aus Angst, dass es etwas Ernstes sein könnte, suchen sie Sicherheit durch eine zeitnahe Diagnose und Versorgung im Krankenhaus.

Rund 20 Millionen Patienten suchen pro Jahr eine der 1.600 deutschen Kliniken mit Notfallversorgung auf. Von Jahr zu Jahr werden es mehr; die Zunahme wird, je nach Region, mit 4 bis 9 Prozent angegeben. Doch nur 10 bis 20 Prozent der Patienten haben lebensbedrohliche Beschwerden. Viele Notaufnahmen platzen deswegen aus allen Nähten: Das Personal ist chronisch überlastet und hat selbst für akute Notfälle kaum ausreichend Zeit; die Patienten müssen zum Teil erhebliche Wartezeiten in Kauf nehmen.

Wie in ganz Deutschland kommen auch in Brandenburg immer mehr Menschen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Dies stellt die Kliniken und ihr Personal vor große Herausforderungen und verlangt den Patienten oft lange Wartezeiten ab.
Die Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg (LKB) hat in einer repräsentativen Patientenbefragung im Land Brandenburg konkrete Zahlen und Hintergründe ermittelt.

Fast die Hälfte der Patienten gab an, in die Notaufnahme gekommen zu sein, weil die Arztpraxis geschlossen (22,0 %), eine Vertretung nicht bekannt (2,7 %) oder kein Termin kurzfristig frei war (3,2 %), 18,5 % haben sich gar nicht erst an eine Arztpraxis gewendet. Hierbei handelte es sich vor allem um jüngere Leute; mit steigendem Alter nahm die Rate derer zu, die zuvor beim Haus- oder Facharzt gewesen waren. Weitere 18 % wurden von einem niedergelassenen Arzt ins Krankenhaus geschickt. Viele Patienten kamen mit akuten Beschwerden. Interessant ist auch die Altersverteilung: So kommen vor allem sehr junge sowie eher ältere Patienten in die Notaufnahmen. An der LKB-Studie nahmen 33 brandenburgische Krankenhäuser teil; anhand von fast 10.000 befragten Patienten wurden die Hintergründe des Notaufnahme-Booms ermittelt.

 

Umfassende Versorgung aus einer Hand

Die Gründe für diesen anhaltenden Trend sind vielfältig. Dr. Jens-Uwe Schreck, Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg: „Patienten vertrauen auf die hohe Leistungsfähigkeit der hiesigen Krankenhäuser und fühlen sich gut und umfassend versorgt.“ Hier erhalten sie alles aus einer Hand, weil die personellen und technischen Voraussetzungen für eine hochwertige Diagnose und Behandlung konzentriert vorhanden sind. Sie müssen nicht zu mehreren Ärzten und jedes Mal auf Termine warten. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass das Versorgungsangebot der niedergelassenen Ärzte für Notfälle vielerorts als unzureichend empfunden wird: Ärztliche Notdienste oder Notfallpraxen sind nicht engmaschig vorhanden, Fahr- und Wartezeiten oft sehr lang. Insbesondere wird die Notrufnummer des vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 kaum in Anspruch genommen

LKB fordert neues Vergütungssystem

Die Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg fordert, dass das gesamte Vergütungssystem der Notfallversorgung neugestaltet wird. Abgesehen von einer aufwandsgerechten Vergütung gehört dazu, dass Krankenhäuser künftig Notfälle direkt mit den Krankenkassen abrechnen können und nicht den bisherigen Umweg über die Kassenärztlichen Vereinigungen nehmen müssen.

116 117 bekannter machen!

Eine der interessantesten Erkenntnisse aus der Patientenbefragung der LKB ist, dass nur 3 % der Notaufnahme-Patienten den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 angerufen hatten. Die Kassenärztliche Vereinigung organisiert die flächendeckende Versorgung dieses Bereitschaftsdienstes für gesetzlich Krankenversicherte auch in Brandenburg nachts und an den Wochenenden. 79 % der Patienten waren ins Krankenhaus gekommen, ohne vorher diese Nummer anzurufen, 11 % war die Nummer unbekannt.

Quelle: Informationsmaterial der Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg e.V. vom 30. März 2017

Az: 506-05